Das große Schwinden

Wenn’s dann unlustig wird

Es summt, es brummt, es summt, es … Stille. Die Insekten verschwinden fast unbemerkt, aber doch stetig. Nach einer 2019 veröffentlichten Studie des Entomologen Prof. Dr. Johannes Gepp ist das Insektensterben kaum mehr aufzuhalten. Als Schuldige werden oft die Landwirte genannt. Die Landwirtschaftskammer Steiermark stimmt dem aber nicht vollkommen zu. 

Eine Autofahrt quer durch Österreich zeigt es am einfachsten und doch am deutlichsten – wo noch vor wenigen Jahrzehnten alle 100 Kilometer gehalten werden musste, da vor lauter Insekten auf der Windschutzscheibe keine Sicht mehr zu gewährleisten war, kann der Autofahrer heute beruhigt weiter fahren. Die Windschutzscheibe bleibt fast leer. Was den einen freut offenbart doch ein viel größeres Problem. Das Insektensterben ist zwar mittlerweile jedem ein Begriff, doch kümmert es eher wenige. Ein Experte in diesem Gebiet, Professor Johannes Gepp, Entomologe und Leiter für Naturschutz und Landschaftsökologie in Graz, spricht jedoch klar seine Bedenken aus. In einer 2019 veröffentlichten Studie stellt er fest, dass 40% der Insektenarten in Österreich, das sind ca. 16.000 Arten, in unterschiedlichen Ausmaßen gefährdet sind. Die rund 40.000 Insektenarten, die in Österreich ansässig sind machen immerhin mehr als die Hälfte der gesamten Artenvielfalt in Österreich aus. „Die erste Hauptursache dafür ist, dass es bei einer intensiv betriebenen Agrarkultur keinen Lebensraum mehr für die Tiere gibt”, sagt Gepp.  Weitere Gründe für das Insektensterben sind für ihn die Nutzung von Pestiziden und der Klimawandel. Zwei der drei Faktoren betreffen direkt die steirische Landwirtschaft. 

 

 

Oberste Priorität: Bestäubung

„So richtig können wir das Insektensterben nicht bestätigen, wir sind ja kein wissenschaftliches Institut. Für uns ist nur wichtig, die Bestäubungsleistung zu gewährleisten”, sagt Arno Mayer, Abteilungsleiter von der Abteilung Pflanzenbau der Landwirtschaftskammer Steiermark, auf die Frage, wie diese Behörde zum Insektensterben steht. Auch wenn somit weniger die Insekten in der Aufmerksamkeit der Landwirtschaftskammer stehen, sondern die Erträge auf den Feldern, werden Forschungen mit den besonders wetterresistenten Hummeln durchgeführt um die Bestäubung zu garantieren. Landwirte können sich ebenfalls während der Blüte Bienen- und Hummelstöcke mieten, um sich eine reiche Ernte zu sichern. Auch selber können die Landwirte zum Imker werden: „Wer mit der Imkerei beginnen möchte, kann bereits bei wenigen Bienenstöcken und der Ausbildung Förderungen beantragen”, erzählt Mayer.

Um den Monokulturen und der damit einhergehenden Gefährdung der Bodenqualität entgegenzuwirken, hat sich das Ministerium mit weiteren Förderungen auseinandergesetzt: Werden insbesondere nach der Getreideernte, Zwischenfrüchte bwz. Blühflächen gepflanzt, wird das finanziell vom Amt gefördert. Bis zu 200 Euro pro Hektar veranschlagt die Landwirtschaftskammer wenn verschiedene Pflanzen  mit hoher Biodiversität zur Begrünung gewählt werden. Auf diese Programme erhielten wir zunächst von den Imkern, dann von den Jägern und dann auch von der Bevölkerung sehr positive Rückmeldungen. Wir bekommen immer wieder Anrufe wegen der neuen Blühflächen. Das hat mich sehr überrascht und gefreut!”, so Mayer.

 

Gefährdet sind nicht nur die Bienen

Das Thema Bestäubung und die Förderung der Bienen ist der Landwirtschaftskammer demnach ein großes Anliegen. Bienen sind wichtig, doch ist es nicht nur diese eine Insektenart, die vom Aussterben bedroht ist: 40% der gesamten Insektenpopulation gelten laut Gepps Studie mittlerweile als gefährdet. Trotzdem ist der Begriff des Insektensterbens in seinen Augen nicht vollkommen richtig vielmehr kommt es zu einer Verschiebung innerhalb der Arten. Die Nützlinge, also vor allem die Bestäuber und natürlichen Bekämpfer der Schädlinge, sterben aus und die natürlichen Gegenspieler können sich immer mehr ausbreiten. Vor allem am Beispiel der Libellenpopulation ist deutlich zu erkennen, wie ernst die Lage ist: „Bei den Libellen sind 67% gefährdet, das heißt ca. zwei Drittel der gesamten Population sind vom Aussterben bedroht”, warnt Gepp. Auch rund die Hälfte der Heuschrecken und Zikaden sind in Gefahr. 

 

Gefährdungsgrad der gesamten Insektenpopulation

Quelle: Gepp, J. (2019)

Gefährdungsgrad der Libellenpopulation

Quelle: Raab, R., Chovanec, A. & Pennerstorfer, J. (2006)

Gefährdungsgrad der Heuschreckenpopulation

Quelle: Berg, H.-M., Bieringer, G., Zechner, L. (2005)

Gefährdungsgrad der Zikadenpopulation

Quelle: Holzinger, W. E. (2009)

 

Das große Wandern

Diese Gefahr ist vor allem durch den überproportionalen Einsatz von Insektiziden allgegenwärtig. Ob diese gespritzt werden, entscheiden die Landwirte in der Regel selbst. Es kommt aber vor, dass, wenn die Abteilung A-10 Land- und Forstwirtschaft des Landes Steiermark eine zu große Anzahl von Schädlingslarven feststellt,  Empfehlungen oder Verpflichtungen zum Spritzen ausgesprochen werden, um eine Ausbreitung zu verhindern. Diese Gifte wehen dann auch auf angrenzende Felder und kontaminieren somit eine viel größere Fläche als zunächst angenommen. Laut Mayer haben Fälle aus der Vergangenheit gezeigt, dass importierte oder durch den Klimawandel eingewanderte Schädlinge hier beste Bedingungen vorfinden. Das bestätigt auch Gepp: Durch die Erwärmung ziehen die im Süden ansässigen Insekten immer weiter Richtung Norden und suchen sich neue Lebensräume in höheren Lagen. Dabei werden aber die dort vorkommenden Arten wiederum verdrängt. Schädlinge aus dem Süden finden in nördlichen Gebieten bessere Bedingungen vor und längere Sommer ermöglichen mehr Generationszyklen und somit eine stärkere Ausbreitung. Nützlinge, die dem Klimawandel und der Verdrängung nicht standhalten, sterben also aus und zurück bleiben ihre Gegenspieler, die immer resistenter werden. Das ist auch der Grund, weswegen sich Arno Mayer nicht sicher ist, ob in der Landwirtschaft jemals auf den Einsatz von Insektiziden verzichtet werden kann: „Wenn aus verschiedenen Gründen Insekten wegfallen, nehmen andere diese Nischen ein und vermehren sich explosionsartig. Die haben dann keinen Gegenspieler und es dauert 10, 20 Jahre bis sich das Gleichgewicht wieder eingefunden hat,” sagt Mayer. Doch durch diese Einstellung, werden auch die Nützlinge weiter durch die Insektizide sterben.

 

Klimawandel bedroht alles

Der Begriff Klimawandel ist für einige bereits das Unwort des Jahres. Viele große Industrieländer der Welt erkennen diesen aber gar nicht an oder sind bei der Ergreifung von Maßnahmen gegen diese Gefahr zu zögerlich. Doch stellt der Klimawandel die größte Bedrohung in der jetzigen Zeit dar. In diesem Punkt sind sich sowohl der Entomologe als auch der Vertreter der Landwirtschaftskammer einig. „Wir wissen schon lange, dass wir die Auswirkungen des Klimawandels nicht mehr im Griff haben und was jetzt noch dazukommt und uns auch schön langsam bewusst wird, ist das Insektensterben“, sagt Gepp. Ökologen zufolge nimmt das Insektensterben gleiche Dimensionen wie der Klimawandel an. „Der Klimawandel wird uns in Zukunft mehr Extremsituationen, wie Starkregen oder Dauerhitze bringen”, bestätigt auch Arno Mayer. Doch machen ihm diese Prognosen weniger Angst wegen der Insekten an sich, sondern aufgrund ihrer eigentlichen ökologischen Funktion. Für ihn steht die bedrohte Bestäubung im Vordergrund: „Wenn durch Trockenphasen Schädlinge mehrere Generationen entwickeln können, können wir irgendwann nicht mehr eingreifen und somit ist die gesamte Lebensmittelversorgung in Gefahr. Das wird dann unlustig.”

 

Blühfläche in der Südsteiermark – Foto: Russold

 

Wie die Insekten den Weinberg verließen

Landwirte haben es nicht leicht, kaum ein Wirtschaftszweig ist so sehr von äußeren Umständen abhängig wie der Agrarsektor. In der Steiermark sorgen neben den Erzeugern des berühmten Kürbiskernöls vor allem die Weinbauern immer wieder für Entsetzen, wenn sie wieder einmal Ernteausfälle melden müssen. Doch Probleme verursachen nicht nur ungünstige Wetterkapriolen, sie können schon bei den kleinsten Tieren anfangen, die sich rund um Feld und Garten tummeln.

Das wahrscheinlich bekannteste Prinzip des Ackerbaus ist das „von den Bienen und den Blumen”: Insekten, wie etwa Bienen oder Hummeln, fliegen auf der Suche nach Nahrung zwischen blühenden Pflanzen hin und her und helfen dadurch bei der Bestäubung. Das ist zwar bei einigen Pflanzenarten, wie unter anderem Weinstöcken, nicht unbedingt notwendig, zeigt aber gut, wie wichtig die kleinsten Tiere in einem fein aufeinander abgestimmten Ökosystem sind.

Doch genau diese feine Abstimmung ist seit Jahren ernsthaft bedroht. In Österreich gelten derzeit etwa 40% der Insektenarten als gefährdet, dass sind in Summe etwa 16.000. Darunter sind viele liebgewonnene Hingucker wie verschiedene Schmetterlinge, aber auch viele Nützlinge wie Bienen oder Hummeln. Von dieser Dramatik ist an der Südsteirischen Weinstraße nicht viel zu spüren. Die Gegend wird gerne vorgezeigt, wenn es um regionalen Tourismus, Brettljause und eben den namensgebenden Wein geht. Doch zwischen den scheinbar so idyllischen Weinbergen ist auch nicht alles eitel Sonnenschein, auch hier haben sich in den letzten Jahren einige Veränderungen bemerkbar gemacht.

 

Bio oder Umweltschutz

Winzer Leopold Cramer vom Weingut Albert beobachtet den Tier- und Landschaftsschutz im Weinbau ganz genau. Seiner Meinung nach hat sich mit der jüngeren, nachkommenden Generation an Weinbauern und neuen Ausbildungsmethoden auf dem Gebiet viel getan. „Wir spritzen nicht einfach, weil man das immer so gemacht hat. Stattdessen überlegen wir, ob es wirklich notwendig ist, so viel und so oft zu spritzen“, sagt Cramer. Das Thema Umweltschutz liege ihm am Herzen, meint er und erzählt von den verschieden Tierarten, Insekten, Salamandern und kleinen Säugetieren die sich in Weingärten herumtreiben. Eine besondere Herausforderung für Winzer in der Südoststeiermark ist dagegen die Amerikanische Rebzikade. Dieser Schädling ist vor einigen Jahren aufgrund von veränderter Klimaverhältnisse vom wärmeren Süden nach Österreich gekommen. Sie überträgt die Reben-Krankheit Goldgelbe Vergilbung der Rebe, die enorme Schäden an Weinstöcken verursachen kann. Cramer erklärt über seine Methode zur Abwehr der Zikade, er würde nach Vorschrift Insektengift spritzen. Normal reiche es aber, die Brennnesseln, auf denen die Zikade von Natur aus lebt, nicht wegzumähen und ihren Lebensraum zu zerstören. Dadurch müssen seiner Einschätzung nach die Zikaden nicht auf die Rebstöcke ausweichen.

 

Quelle: Land Steiermark, Agrar-Server

 

Spritzen muss er in Ausnahmefällen, weil er keinen biologischen Weinbau betreibt. Diesen sieht er allerdings durchaus auch kritisch: „Ich versuche Umweltschutz zu betreiben. Ein Konsument, der Bio kauft, glaubt, er betreibt Umweltschutz. Aber bei den Normen die dem Gesetz nach Bio ausmachen, da ist nicht der Umweltschutz im Vordergrund sondern andere Dinge.“ Cramer meint, es handele sich großteils um einen Marketinggag und nicht um echtes ökologisches Interesse. „Es gibt im biologischen Weinbau auch Pflanzenschutzmittel, die sind alles andere als umweltschonend, die sind massiv umweltgiftig“, sagt er. Konkret meint er damit den Einsatz von Phosphor zum Düngen und von Kupfer zum Pflanzenschutz. Vor allem letzteres kann nachhaltig schaden, vor allem wenn es sich in Gewässern ausbreitet. 

Auch der Winzer Hannes Sabathi ist von ausschließlichem Bioweinbau nicht völlig überzeugt. Weinbauern, die auf Bio setzen, müssen Spritzmittel öfter ausbringen, was unter anderem zu einem höheren Dieselverbrauch (für Nutzfahrzeuge) führt. Er greift mit herkömmlichen Pflanzenschutzmitteln ein und spritzt ,,so viel wie nötig, so wenig wie möglich’.’ Er selbst setzt auf die Zertifizierung nach den Regeln von Nachhaltig Austria, einem Programm der österreichischen Weinwirtschaft. Das Gütesiegel soll für sparsamen Umgang mit Wasser, Energie, chemischen Düngemitteln und effizienten Einsatz von Maschinen, sowie faire Arbeitsbedingungen und nachhaltig wirtschaftliches Handeln stehen.

 

Bio auf dem Vormarsch

 

Der Biologische Weinbau ist in Österreich allerdings auf dem Vormarsch. Die Gesamtfläche der Biobetriebe ist seit dem Jahr 2000 deutlich angewachsen und der Trend wurde kaum je unterbrochen. Diese Kurve zeigt, dass das Konzept Bio immer mehr Anhänger gewinnt, auch wenn manche die Methoden kritisch sehen. Willi Sattler ist überzeugter Biowinzer aus Gamlitz. Wie alle Winzer mit dem Biolabel ist er zum Beispiel von der gesetzlichen Pflicht, mit Insektiziden gegen die Rebzikade vorzugehen, befreit. Seine Hauptwaffe für den Pflanzenschutz ist das von Cramer kritisierte Kupfer. Das Metall wirkt im Boden als natürliches Gift, das Schädlinge bekämpfen soll. Kritiker meinen jedoch, dass auch Nützlinge wie Regenwürmer davon betroffen wären. Ein Vorwurf den Sattler energisch beiseite wischt. „Wir arbeiten heutzutage mit Hydroxiden, das sind sehr feine Formulierungen. Es gab eine Taskforce dazu, die den Einfluss von Kupfer auf den Boden überprüft hat und selbst bei tausendfacher Konzentration wurden keine Schäden ausgemacht. Es hängt vielmehr von der gesamten Bodengesundheit ab”, sagt er. Der Gesetzgeber sieht den Einsatz allerdings ebenfalls kritisch, erlaubt bleibt er hauptsächlich aus Mangel an Alternativen. Laut EU-Verordnung ist ein Einsatz von sechs Kilogramm Kupfer pro Hektar pro Jahr erlaubt. Österreich zieht den Rahmen jedoch noch enger und gestattet drei Kilo.

Bei einem anderen Punkt pflichtet Sattler dem Kollegen jedoch bei. Das übermäßige Mähen auf den Weinbergen würde zweifellos Lebensraum für alle möglichen Tiere zerstören. Für die Zukunft wünscht er sich allerdings wissenschaftspolitische Lösungen, um solche Streitfragen zu klären. „Meiner Meinung nach müssten diese Substanzen von universitären Einrichtungen geprüft werden, die völlig frei von Sponsorengeldern sind. Ich halte es für bedenklich, wenn universitäre Einrichtungen vom Unternehmen direkt gefördert und gesponsert werden. Das ist natürlich ganz klar, dass es da Erwartungshaltungen gibt, wenn Millionen fließen.“ Er habe aber durchaus eine Idee wie man dieses System verbessern könnte. „Meiner Meinung nach kann das nur funktionieren, wenn der Staat die Einnahmen lukriert und diese Gelder vom Staat der Forschung zur Verfügung gestellt werden und der Staat die Aufgabe im Sinne der Konsumenten überträgt.“

 

Oder doch der Rasenmäher

Manuel Sommer vom Weingut Muster ist integrierter Winzer. Aufgrund der heutzutage strengeren Umweltbestimmungen gibt es den konventionellen Weinbau offiziell nicht mehr. Beim integrierten Weinbau dürfen alle gesetzlich zugelassenen Pestizide verwendet werden, es soll jedoch auch Rücksicht auf Gesundheit und Umwelt genommen werden. „Wir spritzen eigentlich gar keine Insektizide, das brauchen wir nicht“, sagt Sommer dementsprechend. „Es gibt nur jahreszeitlich bedingt Verordnungen, was wir spritzen müssen“, erklärt er. Auch er hat Probleme mit der Amerikanischen Rebzikade und muss hier zum Gift greifen. Von Cramers Methode, viele Pflanzen in der Nähe von Rebstöcken stehen zu lassen, hält er außerdem nichts.  „Das ist ein bisschen ein Zwiespalt, wenn er die stehen lässt, dann vermehren sich die Schädlinge dort und dann gibt es ja mehr. Aus meiner Sicht ist es gescheiter, dass rundherum keine Wildnis mit Brennnesseln, Dornen im Weingarten ist“, sagt er dazu. Er selber mäht deshalb fünf- bis sechsmal pro Jahr zwischen seinen Rebstöcken.

Eine abschließende Antwort auf die Frage, wie man den Verlust nützlicher Insektenarten eindämmen kann, liefern diese Regelungen jedoch auch nicht. Die verschiedenen Methoden im Weinbau, von integrierten über nachhaltige bis hin zu Biowinzern, versuchen zwar das Problem bewusst anzugehen, über die richtige Methode herrscht allerdings Uneinigkeit. Biospritzmittel wie Kupfer und Schwefel sollen herkömmliche, schädliche Pflanzenschutzmittel ersetzen, jedoch sind die gesundheitlichen Auswirkungen dieser Mittel nicht abschließend geklärt. Die Winzer können die Insekten natürlich nicht alleine retten, könnten letztendlich aber als Vorbild für andere Landwirtschaftsformen dienen.

 

Eine Zusammenarbeit von Fabian Prettner, Katharina Russold, Constanze Seidl, Jasmin Spreer und Julian Strassegger

Die steirische Wirtschaft wird grüner

Die „grüne Wirtschaft“ in der Steiermark wächst. Damit werden Arbeitsplätze geschaffen und die Umwelt geschont. Die alten Vorurteile – Umweltschutz koste nur Geld, bremse die Wirtschaft und verhindere neue Jobs – haben ihre Berechtigung verloren.

Der Weltklimavertrag in Paris vom Dezember 2015 wurde noch am Tag des Beschlusses als historischer Erfolg gefeiert. Das Erreichen der Kernziele des Vertrages soll die Treibhausgas-Emissionen bis 2050 um 80 Prozent senken.

Das Land Steiermark hat bereits 2010 seinen eigenen Klimaschutzplan veröffentlicht. Den Fokus setzen die Autoren ebenfalls auf die Reduktion der Emissionen, allerdings um 90 Prozent, die vor allem mit einer Umstellung der Wirtschaft erreicht werden sollen: „Diese Herausforderungen sind so hoch, dass die EU von einer ’neuen industriellen Revolution‘ spricht“, schreiben sie. Deshalb müssten die Innovationsziele schon jetzt in allen Wirtschaftsbereichen diese neuen Anforderungen berücksichtigen.

Öko-Wirtschaft wuchs um 8,4 Prozent

„Dazu muss man das alte Vorurteil loswerden, dass der Umweltschutz nur Geld und Jobs kostet“, erklärt Josef Behofsics. Er ist im österreichischen Umweltministerium (BMLFUW) für den betrieblichen Umweltschutz zuständig. Der Wahrheit entspreche diese Behauptung nämlich schon lange nicht mehr. Das sähe man auch an der Entwicklung der Umweltwirtschaft. Diese wird seit 2008 in Zahlen gemessen und an denen lässt sich erkennen, dass die grüne Wirtschaft in der Steiermark durchaus erfolgreich ist.

Demnach ist die Umweltwirtschaft in der Steiermark von 2008 bis 2011 um 8,4 Prozent gewachsen. Trotz der Wirtschaftskrise, betont Behofsics, und obwohl es 2009 einen deutlichen Einbruch gab. Im Vergleich dazu ist das Bruttoregionalprodukt um 5,1 Prozent gewachsen. Am meisten erwirtschaftet hat die Kategorie „Herstellung von Waren“ mit einem Umsatz von über zwei Milliarden Euro. Dazu zählen beispielsweise die Entwicklung und Produktion von umweltfreundlichen Technologien, etwa zur Energiegewinnung.

Die Daten werden von der Statistik Austria seit 2008 für ganz Österreich und auch jeweils für die Bundesländer erhoben. Dabei folgt sie den Standards, die vom EU-Statistikdienst Eurostat vorgegeben werden. Die Environmental Goods and Services Sector“ -Messungen (EGSS) umfassen alle Tätigkeiten zur Messung, Vermeidung, Verringerung, Beschränkung oder Behebung von Umweltschäden. Dazu gehören auch die Verwendung und Entwicklung umweltschonender bzw. weniger umweltschädlicher Technologien, Verfahren und Produkte, die die Umweltrisiken verringern und die Umweltverschmutzung auf ein Mindestmaß beschränken.

Bei den Messungen gäbe es in Österreich aber auch teilweise pragmatische Entscheidungen, sagt Behofsics: „Es lässt sich etwa nicht immer klar sagen, was nun ein ‚Green-Job‘ ist und zur grünen Wirtschaft gehört. Allgemein gilt, eine Tätigkeit muss zu einem überwiegenden Teil der Umwelt nützen. Der Posten des Umweltministers wird bei der Messung zum Beispiel nur als ein halber Green-Job gezählt.“

Wachsender Arbeitsmarkt

Nicht nur der Umsatz wächst, auch die Beschäftigung in der steirischen grünen Wirtschaft steigt stetig an. Zwischen 2008 und 2011 verzeichnete die Statistik Austria hier einen Zuwachs von 6,6 Prozent, das entspricht über 1 800 Jobs. Vorreiter war 2011 der Staat, der 890 der insgesamt 29 549 grünen Arbeitnehmer beschäftigte.

„Was den Umweltschutz anbelangt, ist Österreich ein Musterland“, sagt Josef Behofsics. Österreichweit sei 2013 bereits jeder 20. Arbeitsplatz ein Green-Job gewesen. Im Vergleich zur Gesamtwirtschaft sei die Beschäftigungszahl in der Umweltwirtschaft um das Fünffache gestiegen und der erwirtschaftete Umsatz machte 12 Prozent des österreichischen Bruttoinlandsprodukts aus.

Was die Verlässlichkeit der erhobenen Daten betrifft, stuft Behofsics sie als vertrauenswürdig ein. Die Zahlen entsprächen auch den Einschätzungen des Bundesministeriums und seien realistisch. Eine Beeinflussung der Ergebnisse, etwa durch falsche Angaben oder Aussagen der Firmen, hält er für ausgeschlossen: „Nein, das geht mit Sicherheit nicht. Dafür sorgen die Vorgaben der EU und die genaue Überprüfung durch die Statistik Austria.“

Die von Behofsics erwähnte Behauptung, die Umwelt koste nur Geld, ist nicht nur falsch in Hinblick auf die Einnahmen der Umweltwirtschaft, sondern auch, wenn man beachtet, wie viel das Land Steiermark für den Umweltschutz ausgibt. Laut Landesrechnungsabschluss beliefen sich die Ausgaben für den Umweltschutz 2011 auf 22,6 Millionen Euro. Das sind geringe 0,4 Prozent des erzielten Umsatzes der grünen Wirtschaft im selben Jahr.

Die Umweltwirtschaft gewinnt in der Steiermark also an Boden. Behofsics sieht in allen Branchen der grünen Wirtschaft „noch großes Potenzial“. Luft nach oben, ist ja bekanntlich immer.


 

Werkstattbericht:

Daten:
Meine Daten habe ich von der Statistik Austria: http://www.statistik.at/web_de/statistiken/energie_umwelt_innovation_mobilitaet/energie_und_umwelt/umwelt/umweltorientierte_produktion_und_dienstleistung/index.html

Ich habe sie bereits in fix und fertig verwendbarer Form in einem Excel Dokument heruntergeladen. Ein Säubern oder sonstiges war nicht notwendig, ich habe mir die einzelnen Kategorien zum Arbeiten lediglich in einem neuen Blatt zusammenkopiert.

Die Tabellen schlüsseln für die beiden Größen Umsatz und Beschäftigung genau auf, mit welchen Bereichen die unterschiedlichen Branchen wie viel Gewinn erwirtschaftet haben bzw. wie viele Menschen dort beschäftigt sind.

Zur Verlässlichkeit und Richtigkeit der Daten habe ich Dr. Josef Behofsics, Abteilung betrieblicher Umweltschutz des Ministeriums für Land- und Forst, Umwelt- und Wasserwirtschaft, befragt. Er versicherte mir, dass es sich dabei um sorgfältig erhobene Daten handelt. Allerdings sagte er auch, dass die Statistik Austria auch dem Ministerium gegenüber nicht alle ihre Methoden offen legt. Doch die Zahlen seien nachvollziehbar. Außerdem ist die Statistik Austria in Österreich ein verlässlicher und anerkannter Lieferant für Statistiken.

Arbeitsschritte:
Zuallererst habe ich meine Diagramme mit Excel erstellt. Eines für Umsatz Gesamt, Beschäftigung Gesamt, Umsatz nach Branche und Beschäftigung nach Branche. Allerdings fand ich sie optisch nicht sehr schön und wollte gerne etwas Interaktives. Also habe ich mir eine Testversion von Tableau heruntergeladen. Nach zwei erfolglosen Stunden habe ich Tableau wieder aufgegeben und meine Diagramme mit Datawrapper neu gemacht. Allerdings konnte man sie hier mit einem Gratis-Account nicht exportieren. Auf Anraten von Julian habe ich um einen pro-bono Account angefragt. Dieser wurde auch genehmigt, ist aber noch nicht freigeschalten. Also bin ich nochmals umgestiegen und habe nun alle Charts mit infogr.am gemacht. Dienstags habe ich nochmals zwei Stunden mit Tableau experimentiert, leider ohne sehenswertes Ergebnis. Die Tableau-Grafik von Julian konnte ich leider nicht exportieren, das geht wohl auch nur mit einem Bezahl-Account.

In Excel habe ich mir das Umsatz- und Beschäftigungswachstum in Prozent ausgerechnet sowie das Wachstum des Bruttoregionalprodukts (die Zahlen dazu kommen von der Landesstatistik Steiermark) und das Beschäftigungswachstum in Arbeitsplätze. Außerdem habe ich aus den Landesabrechnungsbüchern die Umweltschutzausgaben von 2008 bis 2011 rausgefiltert und ausgerechnet, wie viel Prozent des Umsatzes sie ausmachen.

Auf der Suche nach einem Ansprechpartner telefoniere ich mit mehreren Studiengängen der BOKU Wien, leider kann mir dort niemand weiterhelfen. Also versuche ich es beim Umweltministerium. Nach mehreren Weiterleitungen erreiche ich Dr. Josef Behofsics, der die EGSS Messungen seit 2008 begleitet und meine Fragen beantwortet.

Herausforderungen:
Die Herausforderungen waren bei mir eher technischer Natur. Ich habe keine Übung mit Excel oder sonstigen Datenverarbeitungsprogrammen. Schon das Erstellen von Charts in Excel hat daher einige Zeit in Anspruch genommen. Mit den online Programmen hat das weitaus einfacher funktioniert und sie sind noch dazu interaktiv. Mit Tableau hatte ich keinen Erfolg, trotz Tutorials und Julians Vorbild.

Quellen:

 

Gute Nacht, Graz!

Als „Stadt meines Lebens“ wird Graz beworben – und ist dabei nicht nur von den Einheimischen heiß geliebt, sondern auch von Touristen aus dem In- und Ausland, wie die Nächtigungsstatistiken beweisen.

Der Tourismus gilt als eines der Stärkefelder der steirischen Landeshauptstadt, was sich an den Besucherzahlen der vergangenen Jahre gut ablesen lässt. Abgesehen von zwei leichten Rückgängen in den Jahren 2001 und 2009 geht die Kurve ständig und – vor allem in jüngerer Zeit – steil nach oben. Das Kulturhauptstadtjahr 2003 zeigt sich touristisch gesehen als Erfolgsjahr, dessen Nächtigungsergebnis von rund 840 000 Besuchern erst 2011 übertroffen werden konnte. Das vergleichsweise schwache Wachstum in den Jahren dazwischen lässt sich laut Graz Tourismus vor allem auf die zu dieser Zeit gerade einsetzende Finanz- und Wirtschaftskrise zurückführen. Im Jahr 2014 konnte schließlich erstmals die Millionenmarke überschritten werden. Und das mit 1.029.022 Nächtigungen und einem Plus von 4,5 % im Vergleich zum Vorjahr sogar recht deutlich.


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„Autofahren als Zeichen des Mangels“

Die Zahl an PKWs am steirischen Land steigt im Vergleich zur Einwohnerzahl und im Gegensatz zur Stadt Graz kontinuierlich an. Gründe gibt es einige, alternative Mobilitätsformen für die Zukunft sind gefordert.

„Wir sind nicht nur für uns selbst verantwortlich, wir sind verantwortlich für die Zukunft“, sprach US-Außenminister John Kerry bei der Klimakonferenz Anfang Dezember in Paris. Um dieser Verantwortlichkeit im Rahmen des Klimawandels nachzukommen, ist wohl ein Umdenken zwingend erforderlich. In Graz, wo im vergangenen Jahr die Feinstaubbelastung punktuell eine kritische Grenze überschritten hat, scheint dieses Umdenken in puncto Mobilität stattzufinden – das errechnete zumindest der Verkehrsclub Österreich, der sich unter anderem mit ökonomisch effizienter Mobilität beschäftigt. Für das Jahr 2014 ermittelte der VCÖ den PKW-Motorisierungsgrad in den österreichischen Bezirken und die Daten zeigen: Während in den großen Städten und damit auch in Graz die Anzahl an PKWs pro tausend Einwohner abnimmt, steigt sie in den ländlichen Bezirken kontinuierlich an.
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