Die Steiermark verliert den Boden unter den Füßen

Österreich zerstört seine Lebensgrundlage durch Versiegelung. Ein Ende ist vor allem in der Steiermark kaum in Sicht: Gemeinden verkaufen ihren Boden, um finanziell wettbewerbsfähig zu bleiben. Doch der Preis ist höher als viele denken.

Der Baulärm ist in ganz Mautern in der Obersteiermark zu hören, während Maschinen den Boden aufreißen und die Erde zum Beben bringen. Wo einst Grünfläche war, klafft nun eine braune Grube und erste Ansätze des Fundaments sind zu erkennen. Das Fundament gehört zu einem neuen Billa. Neu im Ort ist er eigentlich gar nicht, weniger als 1000 Meter weiter gibt es bereits eine Billa-Filiale. An dem Gebäude ist nichts auszusetzen, nur zu klein sei es, heißt es. Darum wird erneut die Erde aufgerissen, ein neues Gebäude aus dem Boden gestampft, ein neuer Kundenparkplatz angelegt, fast doppelt so groß wie der vorherige, schon wieder ein Stück der steiermärkischen Landesfläche unwiederbringlich verbaut.

Dieses Phänomen ist in Österreich kein Einzelfall. Jährlich werden dutzende Quadratkilometer Boden verbaut. Im Jahr 2019 waren es 44 Quadratkilometer, das entspricht einer Fläche von 13 Hektar oder etwa 20 Fußballfeldern pro Tag. Der Trend ist eher steigend als sinkend, und das, obwohl bereits vor 18 Jahren, nämlich im Jahr 2002, ein Zielwert von 2,5 Hektar Bodenverbrauch pro Tag von der Bundesregierung festgelegt wurde. Obwohl die Nachhaltigkeitsstrategie regelmäßig aktualisiert wird, übersteigt Österreich den Wert beinahe um das Fünffache.

Das Problem des rasant steigenden Flächenverbrauchs ist einfach erklärt: Mehr als 40 Prozent der so beanspruchten Fläche ist versiegelt. Das heißt der Boden ist mit einer luft- und wasserundurchlässigen Schicht abgedeckt, also bebaut, betoniert, asphaltiert oder gepflastert. Durch derartige Maßnahmen geht wertvoller Boden meist für immer verloren.

Ist Flächenverbrauch und Bodenversiegelung das gleiche?

Bodenverbrauch (Flächeninanspruchnahme) bedeutet den dauerhaften Verlust biologisch produktiven Bodens durch Verbauung für Siedlungs- und Verkehrszwecke, Freizeitzwecke oder Abbauflächen. Ungefähr 40% dieser Flächen werden versiegelt und verlieren somit alle biologischen Funktionen.

Bodenversiegelung bedeutet die Abdeckung des Bodens mit einer wasserundurchlässigen Schicht. Der Boden wird auf seine Trägerfunktion reduziert. Er verliert seine Produktionsfunktion und darüber hinaus auch viele andere wichtige Funktionen, wie zum Beispiel die Fähigkeit Wasser zu speichern, Schadstoffe zu filtern, zu binden oder abzubauen, und seine Fähigkeit Wasser zu verdunsten (Kühleffekt).

Für die Errechnung der Bodenversiegelung wurde ein Schlüssel des Umweltbundesamts verwendet. Es handelt sich um Durchschnittswerte. Die Versiegelung eines Parkplatzes hängt zum Beispiel stark vom verwendeten Material ab und kann daher in Graz ganz anders aussehen als in Zeltweg.

 


Kurt Weinberger von der Österreichischen Hagelversicherung ist besorgt: “Es gibt kein zweites Land, das so rasch die Lebensgrundlage durch Verbauung zerstört.”

Im österreichischen Bundesländervergleich ist die Steiermark der absolute Spitzenreiter was den Flächenverbrauch angeht. In den letzten fünf Jahren wurden dort 10,4 Quadratkilometer neu verbaut. Also im Schnitt 2,1 Quadratkilometer pro Jahr bei einer Gesamtfläche von 16.398,76 Quadratkilometer. Die Versiegelung steigt damit in der Steiermark am schnellsten an und das grüne Herz Österreichs droht zu verlieren, was es so wertvoll macht: Wald und Boden.

Warum also nehmen Flächenverbrauch und Versiegelung in Österreich – und dabei am aller schnellsten in der Steiermark – immer weiter zu? Gerade Gebäude und Parkplätze erhöhen den Grad der Versiegelung. Besonders problematisch: Einkaufshäuser und Supermärkte, die abseits der Städte gebaut und mit riesigen Parkflächen versehen werden. Supermärkte sprießen in Österreich wie Pilze aus dem Boden. Österreich hat laut der Hagelversicherung europaweit die höchste Supermarktfläche pro Kopf, nämlich rund 1,67 Quadratmeter. Dabei ist es keine Seltenheit, dass auch in kleinen Ortschaften alle bekannten Supermarktketten zumindest mit einer Filiale vertreten sind.

Und wieder liegt die Steiermark ganz vorne: Graz ist die Stadt mit der höchsten Shoppingcenterdichte in Österreich. Der  Bodenverbrauch für Gewerbeflächen, Einkaufszentren und Shopping-Center wächst sechsmal schneller als der von Privathäusern.

Kommunalsteuern als Grund für Versiegelung?

Trotzdem entscheiden sich die BürgermeisterInnen der Gemeinden meist für den Bau weiterer Betrieben. In erster Linie bestimmen sie, wo gebaut werden darf und wo nicht. Und diese profitieren ganz besonders von den Steuern, die durch neue Gewerbegebiete in die Kassen der Kommunen fließen. Dem Österreichischen Bodenkundler Othmar Nestroy ist dieses Problem bewusst: “Bestrebungen, diesen Verlust zu minimieren, gibt es seit Jahren, doch die Erfolge halten sich sehr in Grenzen, denn Bodenschutz ist Landessache und die erste Instanz ist der Bürgermeister. Die immer wieder gezeigten Fotos von Politikern beim Spatenstich für einen Neubau auf der grünen Wiese sprechen eine deutliche Sprache über Worte und Taten.”

Ganze 17 Prozent der versiegelten Flächen kommen in der Steiermark durch Betriebsflächen zustande. In Zeltweg – mit 23,5 Prozent Versiegelung an der Gesamtfläche die am stärksten versiegelten Gemeinde in der Steiermark – machen Gewerbeflächen einen außergewöhnlich großen Teil der versiegelten Fläche aus.

Die ursprünglich stark bäuerlich geprägte Stadt profitiert von Ansiedlungen großer Gewerbebetriebe wie der Voestalpine, Sandvik, Sepero, Mondi Group, Spedition Mayer und dem AiZ Unternehmenszentrum. Die Gemeinde hat sich zum beliebten Wirtschaftsstandort entwickelt. Ein Blick auf das Stadtbild zeigt aber auch die negativen Auswirkungen: Betonbauten reihen sich aneinander, Wiesen und Felder mussten Parkplätzen und Straßen weichen.

Die starke Versiegelung wird von der bautechnischen Amtssachverständigen durch die hohe Einwohnerzahl und verhältnismäßig kleine Fläche erklärt. Andere mit der Fläche und der Einwohnerzahl vergleichbare Gemeinden in der Steiermark (Feldkirchen und Knittelfeld) haben aber nur eine Versiegelung von rund 13,5% der Gesamtfläche. Auch pro Einwohner ist in diesen Gemeinden die Versiegelung wesentlich geringer. Auf dieses Argument bekamen wir von der Gemeinde Zeltweg keine Antwort mehr.

Kleine Gemeinden sind zersiedelt

Auf der anderen Seite der Skala steht der Ort Wildalpen. Nur 0,26 Prozent der Gesamtfläche der obersteirischen Gemeinde sind versiegelt. Ein Umstand, der allerdings auch Nachteile mit sich bringt. Die geringe Versiegelung kommt laut Amtsleiterin Claudia Heinzl durch die sehr geringe Einwohnerzahl zustande. Besonders junge Menschen wandern ab: “Es ist geplant, alles zu tun, um die Jugend im Ort zu halten.” Viele Maßnahmen lassen sich aber nicht umsetzen. Die finanziellen Mittel fehlen. Im Gegensatz zum stark versiegelten Zeltweg profitiert Wildalpen kaum von den Einnahmen durch die Kommunalsteuer: Während Zeltweg jährlich über 4 Millionen Euro im Jahr einnimmt, waren es 2019 in Wildalpen nur 145.000 Euro.

Ein Trend, der sich in ganz Österreich erkennen lässt: je höher die Versiegelung, desto höher die Einnahmen durch die Kommunalsteuer. Wollen Gemeinden finanziell konkurrenzfähig bleiben, müssen sie ihren Boden verkaufen. Doch der Preis für diesen Verlust ist langfristig viel höher.

Warum Bodenversiegelung ein Problem ist

Der steigende Flächenverbrauch und die Versiegelung gefährden Österreichs Agrarindustrie. Wertvolle Flächen werden jährlich der landwirtschaftlichen Nutzung entzogen. Der Produktionsverlust entspricht dem jährlichen Nahrungsbedarf von etwa 20.000 Personen. Weinberger von Österreichischen Hagelversicherung ist alarmiert: “Machen wir so weiter wie bisher, gibt es in 200 Jahren keine Agrarflächen mehr in Österreich. Schon jetzt kann sich Österreich nur zur Hälfte mit Gemüse selbst versorgen.” Standen im Jahr 1950 jeder Österreicherin bzw. jedem Österreicher im Schnitt noch 2.400 Quadratkilometer Ackerfläche zur Verfügung, sind es heute nur noch etwa 1.600 Quadratkilometer.
Doch auch der ökologische Kreislauf wird durch Versiegelung in beträchtlichem Ausmaß gestört. Durch stark versiegelte Flächen wie Straßen, Parkplätze oder das Fundament von Gebäuden kann Regenwasser gar nicht oder nur sehr schwer versickern, Grundwasser Reservoirs können nicht aufgefüllt werden und bei Regen droht Hochwassergefahr. Auch das Klima in unmittelbarer Umgebung zu versiegelten Flächen wird beeinflusst. Da über den betonierten Boden kein Wasser mehr verdunsten kann, entfällt der natürliche Effekt der Verdunstungskälte, im Sommer wird es unerträglich heiß. Vor allem in Österreichs großen Städten Wien, Graz und Linz wird die sommerliche Hitze immer mehr zum Problem für Pflanzen- und Tierwelt und natürlich für die Menschen.

 


Ist das Haus im Grünen gar nicht so grün?

Betrachtet man anstatt der Versiegelung pro Fläche einer Gemeinde allerdings die Versiegelung pro EinwohnerInnen liegen naturgemäß kleinere Gemeinden an der traurigen Spitze. Der Spieß dreht sich um und Wildalpen landet bei versiegelter Fläche pro Einwohner steiermarkweit auf Platz drei.

Das ist nicht nur durch die geringe Einwohnerzahl und die große Fläche der Tourismus-Gemeinde zu erklären. Auch Zersiedelung spielt eine wesentliche Rolle. “Die Gemeinde ist sicher sehr zersiedelt, zwischen den einzelnen Ortsteilen liegen oft zwei bis sechs Kilometer, ebenso ist der Abstand zu den einzelnen Häusern in einigen Ortsteilen sehr groß”, bestätigt Heinzl. Ein Problem, das keinesfalls nur Wildalpen betrifft. Im Gegenteil.

Der Wunsch vieler ÖsterreicherInnen nach einem ruhigen Haus im Grünen ist sowohl ein Grund für Zersiedelung wie auch Versiegelung. Wird ein Einfamilienhaus auf der grünen Wiese gebaut, bleibt die damit einhergehende Fläche nicht auf den Baugrund begrenzt. Auch Infrastruktur, Straßen und Parkplätze müssen errichtet werden. Mit der Folge dass bei kleineren Gemeinden Straßen fast die Hälfte der versiegelten Fläche ausmachen.

Gleichzeitig veröden aber Ortskerne und die Innenstädte der Dörfer sterben aus. Laut Informationen des Umweltbundesamtes stehen in Österreich rund 40.000 Immobilien ungenutzt leer. Würden diese Gebäude genutzt, könnte viel zusätzlicher Flächenverbrauch vermieden werden.

Gundula Prokop vom Umweltbundesamt kennt das Problem: “Wiedernutzung des Bestandes müsste wesentlich günstiger sein als Bauen auf der grünen Wiese.”

Boden g’scheider nutzen

Im November 2019 reagierte die Steiermärkische Landesregierung auf die bedenkliche Entwicklung und beschloss eine Novelle des Steiermärkischen Baugesetzes. Seit Februar sind Behörden verpflichtet „aus Gründen des Klimaschutzes […] den Grad der Bodenversiegelung von unbebauten Flächen im Verhältnis zur unbebauten Bauplatzfläche vorzuschreiben“. Außerdem müssen mindestens 50 Prozent der nicht überdachten Parkplätze oder Fahrradabstellplätze mit einer wasserdurchlässigen Schicht bedeckt sein, dürfen also nicht versiegelt werden. Nennenswert ist auch, dass im Zuge derselben Novelle auch erstmalig der Begriff Bodenversiegelung im Baugesetz definiert wurde.

Das Gesetz ist ein Schritt in die richtige Richtung. Der KPÖ geht es aber nicht weit genug. Sie forderte konkrete Klimamaßnahmen. Mit Verboten von Versiegelung bei KFZ-Abstellplätzen, Umwidmungen bei Leerständen und einer Rückbaupflicht für Betriebsgebäude etwa wollte sie strikter gegen die zunehmende Verbauung vorgehen. Der Antrag wurde von SPÖ, ÖVP und FPÖ abgelehnt

Auch nicht-politische Initiativen wie LandLuft versuchen das Bewusstsein für das Problem zu schärfen und kommunale EntscheidungsträgerInnen bei einer intelligenten Bauweise zu unterstützen. Die Auszeichnung von engagierten Gemeinden und Regionen soll anderen zeigen, was möglich ist, und zum Umdenken anregen.

Viele Gemeinden erkennen den Kern des Übels und versuchen mit innovativen Projekten entgegenzuwirken. Im Rahmen der Initiative Interkommunale Betriebsansiedlung und Wirtschaftsparks schlossen sich beispielsweise Gemeinden in Oberösterreich freiwillig zusammen. Die Funktionsweise ist so einfach wie effektiv: Die Kommunalsteuer wird nach EinwohnerInnen auf alle beteiligten Gemeinden aufgeteilt.

Maßnahmen, wie diese zeigen, dass Gemeinden Versiegelung konzentrieren und Grünflächen schützen, um ein nachhaltiges Wachstum zu gewährleisten, und trotzdem von Kommunalsteuereinnahmen profitieren können. So kann sowohl Geld als auch Boden in Zukunft gerechter verteilt werden.

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