„Fake Statistics“ in Ramsau

Alternative Fakten würde wohl der aktuelle US-Präsident dazu sagen. „Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast“, lautete einst ein beliebtes Sprichwort, wenn Zahlen und Daten im Spiel waren. Und das gilt auch für das beschauliche Ramsau am Dachstein.

Beim Durchstöbern der Datenberge auf der Statistik Steiermark-Webseite springt eine Rangliste ins Auge: Ausgerechnet jener steirische Tourismus-Hotspot, der nach Graz und Schladming 2014 die meisten Nächtigungen (673.003) verzeichnen konnte, soll im selben Jahr die höchste Arbeitslosigkeit (12,6%) unter allen 287 steirischen Gemeinden gehabt haben: Ramsau am Dachstein, idyllisch am Fuße des höchsten Berges der Steiermark (und Oberösterreichs) auf 1135 Meter Seehöhe gelegen, bietet umfangreiche Möglichkeiten für Winter- und Sommersport, darunter Skifahren, Sommerrodeln, Langlaufen, Golf und einen der größten Klettersteige Österreichs.

Der Bürgermeister von Ramsau am Dachstein, Ernst Fischbacher, kann sich die angeblich höchste Arbeitslosenquote der Steiermark nicht erklären: „Das ist mir so nicht bekannt. Für den Tourismus Arbeitskräfte zu bekommen, ist sehr schwierig, die Gastronomie allgemein hat damit ein Problem. Eine ganzjährige Anstellung wird natürlich bevorzugt, ist aber nur selten im Tourismus möglich.“ Also lieber arbeitslos als nur saisonal als Koch oder Rezeptionist beschäftigt?

Wir haben bei der steirischen Statistikbehörde gefragt, was tatsächlich an der Geschichte dran ist, dass einer der am stärksten frequentierten Tourismusorte die höchste Arbeitslosenrate des Bundeslandes haben soll. Josef Holzer vom Referat für Statistik und Geoinformation der Landesstatistik Steiermark kennt die Antwort: „Bei unseren Gemeinde- und Bezirksdaten auf unserer Homepage handelt es sich immer um den Stichtag 31.10., das heißt die Arbeitslosenquote wird hier nur für den Stichtag 31.10. ausgewertet, was natürlich ein wenig problematisch ist, da vor allem in Tourismusgemeinden die Arbeitslosigkeit genau in diesem Zeitraum (nach der Sommersaison und vor der Wintersaison) erheblich höher ist, als an anderen Stichtagen.“

Datenquellen: Statistik SteiermarkArbeitsmarktservice Gröbming


Die Statistik Steiermark hat auf Grund ihres Auftrages Zugang zur abgestimmten Erwerbsstatistik (AES) des Hauptverbandes, die dem Arbeitsmarktservice (AMS) nicht zur Verfügung stehen. Die AES richtet sich nicht nach der internationalen Definition (Labour-Fource-Konzept) von Erwerbsarbeit, sondern sondern nach der nationalen. Diese ist registerbasierend und weist aufgrund ihrer Berechnung meist höhere Arbeitslosenquoten aus als die internationale.

Das heißt also, die Daten der Statistik Steiermark sind verzerrt und nur mit Vorsicht zu genießen. Deshalb haben wir beim Arbeitsmarktservice (AMS) nachgefragt. Über das gesamte Jahr betrachtet hat nicht der Tourismusort Ramsau, sondern die Landeshauptstadt Graz mit 13,2 Prozent die höchste Arbeitslosenquote in der Steiermark. Auf welchem Platz Ramsau wirklich liegt, ist schwierig zu eruieren: „Dem AMS stehen keine Beschäftigtendaten auf Gemeindekennziffer-Ebene zur Verfügung, nur auf Arbeitsmarktbezirksebene, deshalb können wir auf dieser Ebene keine Quoten bilden“, sagt Marco de Brito e Cunha, der beim AMS Steiermark für Statistik verantwortlich ist.

Nimmt man die durchschnittliche Arbeitslosenzahl des AMS für Ramsau her und bildet mit den Beschäftigtendaten der Statistik Steiermark eine Arbeitslosenquote, dann ergibt sich ein realitätsnäheres Bild: 8,6 statt 12,6 Prozent Arbeitslosigkeit. Damit lag Ramsau am Dachstein 2014 sogar fast zwei Prozentpunkte unter der steirischen Arbeitslosenquote von 10,5 Prozent und statt am Ende der Rangliste sogar im besseren Mittelfeld.

Datenquellen: Statistik Austria, Arbeitsmarktservice Gröbming


Die Ski-WM produziert Arbeitslose? Während in Österreich die Arbeitslosigkeit in den letzten Jahren gestiegen ist, hat sie in Ramsau am Dachstein eine rückläufige Tendenz. In Schladming ist der große Sprung von 2014 auf 2015 nicht mit der Ski-WM 2013 zu erklären, sondern mit der Gemeindezusammenlegung von Pichl-Preunegg und Rohrmoos-Untertal, die mit 1. Jänner 2015 im Zuge der Steiermärkischen Gemeindestrukturreform wirksam wurde.

Weitere soziodemografischen Daten und Statistiken stehen wunderbar aufbereitet unter „Steirische Vielfalt visualisiert“ bereit.

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