Reporter-Bots und Urzeitkrebse

In unserem Umfeld werden immer mehr Daten erhoben. Sensorjournalismus will aus diesen Informationen Geschichten machen. Möglichst automatisch.

Eine Einführung von Benjamin Reibert und Raffael Reithofer

Luftgütemessstation, Feuermelder oder Thermometer – auch wenn wir es nicht merken, sind wir im Alltag ständig von Sensoren umgeben. Sogar in unserem Smartphone ist heute eine Vielzahl dieser künstlichen Fühler verpackt. Sensoren erweitern unsere Wahrnehmung, informieren uns also über Dinge, die unseren Sinnen verborgen bleiben. Schenkt man den Prognosen zum Internet der Dinge Glauben, wird unser tägliches Leben in Zukunft viel mehr von Sensoren geprägt sein, als es das heute ist. Vor allem aber werden die Daten miteinander vernetzt sein. Stichwort Selbstvermessung via Lifelogging. Da quantitative Information in der digitalen Welt eine große Rolle spielt, will diese auch journalistisch aufbereitet werden. Daraus ist unter anderem der Datenjournalismus entstanden. Folgt man den Trends, werden Daten in Zukunft zu einem großen Teil über Sensoren generiert.

Sensorische Daten journalistisch aufbereitet

Hier kommt Sensorjournalismus ins Spiel: „Sensorjournalismus ist Journalismus, dessen Inhalte von Sensoren mitbestimmt werden. Roboterjournalistische Software liest dabei die Sensordaten aus“, definiert der freie Wissenschaftsjournalist Jakob Vicari diesen noch in den Kinderschuhen steckenden Trend, mit dem er sich seit Anfang 2015 beschäftigt. Während der Journalist den Sensor einrichtet und Textbausteine vorformuliert, erledigt der Computer den Rest: „Eine Hardware, die Reporter-Box, nimmt Sensordaten auf. Eine Software, der Reporter-Bot, generiert daraus einen Text.” So soll das zumindest bei Vicaris “Sensor-Live-Reportage” über Urzeitkrebse funktionieren.

Sensorjournalistische Recherche in der Praxis: Jakob Vicaris „Sensor-Live-Reportage”-System (Quelle: www.sensor-live-reportage.de)

Es handelt sich also um eine automatische Erfassung von Daten durch Sensoren, die journalistisch aufbereitet werden. Es gibt grundsätzlich drei Wege, um zu diesen Daten zu kommen. Erstens können sich Journalisten, die über „elementare Kenntnisse im Löten, in Elektronik, Programmierung und Datenjournalismus” (Vicari) verfügen, selbst Sensoren einrichten. Technisch weniger versierte Redakteure können sich von Fachleuten helfen lassen.

Neben Jakob Vicari ist der Hamburger Marco Maas ein Beispiel für diese Form des Sensorjournalismus. Maas installierte in seiner Wohnung Dutzende Sensoren, die nahezu jeden Aspekt seines Lebens überwachen. „Ich habe zum Beispiel eine Waage, die mir morgens mein Wetter mitteilt”, so der Datenjournalist und Geschäftsführer von OpenDataCity. „Mein Bett wird demnächst die Möglichkeit haben, mein Schlafverhalten zu messen.” Maas versteht dieses Experiment als Feldstudie und will so neue Vertriebswege für journalistische Texte finden. Wenn man die Situation kenne, in der sich ein Leser befindet, könne man perfekt auf ihn zugeschnittene Informationen anbieten – wie z. B. Verkehrs- und Wetterinformationen beim Verlassen des Hauses. „Alle Geschichten kann ich dann viel besser einem Leser präsentieren, wenn ich weiß, dass er gerade im Bett liegt”, meint Maas.

Außerdem gibt es bereits vorhandene Sensoren von öffentlichen Einrichtungen oder privaten Unternehmen, auf die Journalisten Zugriff haben. Auch das fällt unter Sensorjournalismus. Eines der prominentesten Beispiele dafür ist im deutschsprachigen Raum der sogenannte Feinstaub-Monitor der Berliner Morgenpost. Dabei messen Sensoren im gesamten Ballungsraum von Berlin die Feinstaubbelastung – und das zu jeder Zeit. Auf einer Website werden die eingespielten Daten so immer wieder aktualisiert. Anschließend kommen die Journalisten ins Spiel: Sie bereiten die Daten für die Rezipienten verständlich auf. Da diese Daten laufend neu erhoben werden, ist gesichert, dass immer neue Geschichten entstehen können. Ob das Thema nach der hundertsten Geschichte über Feinstaub in Berlin für die Leser noch spannend bleibt, ist natürlich eine andere Frage.

Drittens lässt sich auch die Community in die Datenerfassung einbinden. „Jeder” verfügt heute über ein Smartphone und in jedem dieser Handys ist eine Vielzahl von Sensoren eingebaut. Man denke dabei nur an GPS, Kamera und Mikrophon. Einige Geräte besitzen zudem die Möglichkeit, Beschleunigung, Licht, Temperatur, Druck und mehr zu messen. Es lässt sich erahnen, dass es sich um ein mächtiges Recherchewerkzeug handelt, wenn man diese Sensoren – etwa über eine spezielle App – miteinander vernetzt.

Die Geschichte bestimmt der Journalist

Dass vorhandene Daten unsortiert und unaufbereitet keine Geschichten ergeben, ist selbstverständlich. Der Journalist übernimmt diese Aufgabe – und kann in verschiedenen Darstellungsformen eine Geschichte erzählen. Sei es ein geschriebener Bericht, eine Datenvisualisierung oder ein Erklärvideo: Die Darstellung der Sensordaten ist dem Journalisten überlassen. Der Text wird allerdings in der Regel über Roboterjournalismus ausformuliert.

Es ist noch zu früh, eine Prognose über die Zukunft des Sensorjournalismus zu treffen, da dieser noch in den Kinderschuhen steckt. Dennoch scheint es, dass das Potential für diese neue Form des Datenjournalismus gegeben ist. Außerdem ist anzunehmen, dass die technischen Möglichkeiten noch besser werden. Aus diesem Grund ist es sinnvoll, diese vorhandenen Daten zu nutzen. Vor allem Freelancer experimentieren derzeit mit dieser neuen Art des Journalismus. Laut Vicari sei nämlich zu beobachten, dass journalistische Innovation zunehmend von Start-Ups und Freiberuflern komme. Es bleibe abzuwarten, inwiefern Sensorjournalismus in klassischen Redaktionen Einzug halten werde.

Dass immer mehr Daten sensorisch erfasst werden, birgt aber natürlich auch Gefahren. Gerade private (Gesundheits-)Daten können großen Schaden anrichten, sollten sie in falsche Hände geraten. Es kann eine Aufgabe von Sensorjournalisten sein, diese Frage, aber auch die Vor- und Nachteile des Internets der Dinge im Allgemeinen kritisch zu beleuchten: über Anschauungsbeispiele, versteht sich.

Recherche

Verlauf:

1. Internetrecherche als Startpunkt:
Tow Center for Digital Journalism: Sensors and Journalism
Sensor Journalism Lab: A (Working) Typology of Sensor Journalism Projects
ZDF Info / BlinkenTV: Sensorjournalismus

2. Experten Jakob Vicari über ZDF-Info-Beitrag auf YouTube (s. o.) gefunden

3. E-Mail-Interview mit Jakob Vicari

Herausforderung:

Da das Thema noch sehr neu ist, gibt es bis dato wenige Quellen dazu. Dies verführt schnell zur Spekulation.

Stand der Recherche: 16. Dezember 2015

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