Erzabbau und Herzaufbau

SteirischeVielfaltIhr Herz schlägt noch, auch wenn sie schon oft tot gesagt wurde. In Eisenerz gibt man den Versuch nicht auf, die Stadt am Leben zu halten.

„Schön ist Bergmannsleben, herrlich ist sein Lohn! Seine Werke geben Glanz dem Königsthron“, heißt es in einem alten Bergmannslied. Vom Glanz, den die Erzproduktion in die Stadt Eisenerz brachte, ist nicht mehr allzu viel übrig. Das Geschäft des Erzabbaus blüht, die VA Erzberg macht ungefähr 47 Millionen Euro Umsatz, doch wie in vielen Betrieben haben Maschinen die Arbeiter ersetzt. Anstatt der über 4 000 Mitarbeiter, die es einmal gab, sind heute nur mehr 220 Personen im Bergbau am Erzberg beschäftigt. Die „Betriebssiedlung“ Eisenerz zählte einst über 12 000 Menschen. Heute blickt der Erzberg auf eine 4520-Seelen-Stadt hinab.

Seitdem ist es das Image der „sterbenden Stadt“, das Eisenerz anhaftet. Ein Bild, das man dort schon satt hat. „In den letzten dreißig Jahren wurde Eisenerz immer als die sterbende Stadt, als eine grausliche Industriestadt dargestellt“, sagt Thomas Iraschko, Leiter der Abteilung Wirtschafts- und Bauangelegenheiten in der Stadtgemeinde Eisenerz. Das sei wie ein Produkt mit negativem Image. Natürlich wolle dann niemand in die Stadt kommen.

Iraschko
Thomas Iraschko

Die Probleme der Stadt leugnet Iraschko aber nicht. Mit den eigenen Einnahmen kann die Gemeinde ihre Ausgaben schon lange nicht mehr decken. Einerseits übernahm der Erzberg früher viele der Aufwendungen für Infrastruktur, andererseits ist die Gemeinde mittlerweile einfach zu groß für die wenigen Einwohner. „Eisenerz ist wie ein Unternehmen, das kuz vor dem Konkurs steht. Da gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder man siedelt alles ab oder man investiert“, erklärt er. Um zu investieren, ist man auf öffentliche Gelder angewiesen. Gleichzeitig ist es aber auch die einzige Möglichkeit, die Stadt wieder attraktiver zu machen und junge Leute dazu zu bringen, sich anzusiedeln.

2006 startete das Projekt „re-design“, mit dem die Stadt einerseits wiederbelebt und andererseits rückgebaut werden sollte. Das Hauptziel ist es, den Gemeindehaushalt zu sanieren. Ein Ziel, das aber noch in weiter Ferne liegt. Um das Zentrum, das Herz der Gemeinde zu beleben, versuchte man die Mieter von den Außengebieten in die Innenstadt zu siedeln und die Gebäude dann entweder rückzubauen oder anderwertig zu verwenden. Aber auch daraus ergeben sich Probleme. „Wenn Häuser abgerissen werden und nur eines stehen bleibt, muss die Gemeinde trotzdem für die Infrastruktur dort sorgen. Und das kostet“, erklärt Iraschko.

Abgerissen wurden bisher fünf Gebäude, denn Abreißen ist teuer. Viele Gebäude stehen auch leer, ihr Abriss ist aber bereits geplant. „Leerraum ist nicht gleich Wohnraum. Die Frage ist: Was ist wirklich Leerstand? “, erklärt Jörg Vaczulik, der zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit der Stadtgemeinde ist. Manche der leerstehenden Räume sind nicht marktfähig oder gar nicht als Wohnraum gedacht oder aber in Privatbesitz.

Drei Großprojekte tragen momentan das re-design: Das Tunnelforschungsprojekt am Erzberg, die Feriensiedlung Münichtal – vormals eine Wohnsiedlung – und die Modernisierung des nordischen Ausbildungszentrums. Dazu gehört neben dem Ausbau der Schanzenanlage und der Ramsau die Neugestaltung des Internats. Dieses soll in den Stadtkern verlegt werden. „Wir können uns aber nicht einfach nur auf diese Großprojekte verlassen“, meint Iraschko. Es gibt nämlich außerdem kleinere Unternehmen, die zur Belebung der Stadt beitragen. Das international agierende Plattenlabel Napalm Records hat seinen Sitz in Eisenerz. Die Privatbrauerei „Erzbergbräu“ braut eigenes Bier. Christine Brunnsteiners Verein „Wir für uns“ setzt sich für die Gemeinde ein und organisiert Veranstaltungen. Lichtblicke im Erzbergtal, Mosaiksteine nennt es Iraschko.

„Die meisten Leute waren noch nie hier“, meint er. Als er in seine Heimatstadt zurückkehrte, hielten ihn seine Freunde für verrückt. Doch wer die Stadt kennenlernt, der ändert seine Meinung. Hiltraud und Alfred Angerer verbrachten ihr ganzes Leben in Eisenerz. „Man muss nicht immer nur das Negative betonen“, sagen sie. „Wir haben im Fernsehen Bilder gesehen, von hässlichen Gebäuden, hängenden Fensterläden. Wo ist denn das bitte?“ Das Ortsbild ist nämlich keineswegs abstoßend. Hübsche Fassaden – vor allem am renovierten Bergmannplatz – und kleine Gastgärten prägen die Stadt. Den Eisenerzern stehen außerdem Nahversorger, Gasthäuser, Sportmöglichkeiten und momentan noch ärztliche Versorgung zur Verfügung. Das LKH Eisenerz ist allerdings nur noch von 7 bis 15 Uhr geöffnet, die Fahrtzeit ins Krankenhaus nach Leoben beträgt ungefähr 30 Minuten. „Wir waren auch bei der Demonstration gegen die Änderung der Betriebszeiten“, sagt Hiltraud Angerer. „Irgendwas muss man ja tun.“ Von den drei praktischen Ärzten in Eisenerz werden zwei in Pension gehen. „Und einen Arzt dazu zu bringen, sich hier anzusiedeln, ist nicht so einfach“, seufzt Iraschko.

Angerer
Das Ehepaar Angerer

Touristisch hat Eisenerz einiges zu bieten: Wintersport in der Ramsau, das Schaubergwerk Erzberg sowie Naturerlebnisse wie den Leopoldsteiner See. Momentan sind es aber vor allem Tagestouristen, die nach Eisenerz kommen. „Jetzt fehlt eben noch die Hotellerie“, sagt Iraschko. Mit der Feriensiedlung Münichtal baut die Stadt nun auf den Tourismus.

Junge Leute sieht man in der Stadt vor allem beim jährlichen Rostfest. Mit einem Altersdurchschnitt von 54 Jahren ist Eisenerz die „älteste Gemeinde“ der Steiermark. „Uns fehlt einfach die mittlere Generation. Die Schüler bleiben bis zur Matura und dann sind sie weg“, sagt Iraschko. Aber wie hält man einen Jugendlichen in der Gemeinde? Mit Arbeitsplätzen“, meint Iraschko. Und die sind das große Problem.

Momentan sind der Erzberg (220 Arbeitsplätze), die dieses Jahr gerade noch vor der Schließung gerettete BTE Blechtechnik (ca. 45 Arbeitsplätze) und die Stadtgemeinde (ca. 80 Arbeitsplätze) die wichtigsten Arbeitgeber. Auch das Ehepaar Angerer ist von den fehlenden Arbeitsplätzen betroffen: „Unsere beiden Söhne würden gerne in Eisenerz arbeiten“, erzählt Frau Angerer. „Der eine wohnt bei uns, ist aber unter der Woche immer unterwegs, weil er Leiharbeiter bei einer Firma ist. Seine Frau arbeitet hier in einer Trafik.“ Allerdings nur 20-Stunden. Auch in den größeren Supermarktketten im Ort gäbe es hauptsächlich noch Halbtagesjobs, weil es dem Arbeitgeber billiger komme.

Der Ausdruck „sterbende Stadt“ bekommt eine ganz neue Bedeutung, wenn man bedenkt, wie viele Personen hier schon ihren fiktiven Tod fanden. Zum Beispiel „Alfred Ill“ aus „Der Besuch der alten Dame“. Die Literaturverfilmung wurde wie der Krimi „Steirerblut“ und eine Folge „Soko Donau“ in der Stadt gedreht. Und jetzt wird Eisenerz zum erfundenen Ort Pregau, wo der neue Krimi-Vierteiler des Regisseurs Nils Willbrandt spielen wird. Aber warum dreht man eigentlich hier? Ein Crew-Mitglied hat eine einfache Antwort: „Weil’s hier schön ist.“
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Fotos: Ines Abraham/ Datenquellen: Landesstatistik Steiermark, Stadtgemeinde Eisenerz, Geo-Daten: Land Steiermark

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