„Autofahren als Zeichen des Mangels“

Die Zahl an PKWs am steirischen Land steigt im Vergleich zur Einwohnerzahl und im Gegensatz zur Stadt Graz kontinuierlich an. Gründe gibt es einige, alternative Mobilitätsformen für die Zukunft sind gefordert.

„Wir sind nicht nur für uns selbst verantwortlich, wir sind verantwortlich für die Zukunft“, sprach US-Außenminister John Kerry bei der Klimakonferenz Anfang Dezember in Paris. Um dieser Verantwortlichkeit im Rahmen des Klimawandels nachzukommen, ist wohl ein Umdenken zwingend erforderlich. In Graz, wo im vergangenen Jahr die Feinstaubbelastung punktuell eine kritische Grenze überschritten hat, scheint dieses Umdenken in puncto Mobilität stattzufinden – das errechnete zumindest der Verkehrsclub Österreich, der sich unter anderem mit ökonomisch effizienter Mobilität beschäftigt. Für das Jahr 2014 ermittelte der VCÖ den PKW-Motorisierungsgrad in den österreichischen Bezirken und die Daten zeigen: Während in den großen Städten und damit auch in Graz die Anzahl an PKWs pro tausend Einwohner abnimmt, steigt sie in den ländlichen Bezirken kontinuierlich an.

In der Steiermark verzeichnet lediglich der Bezirk Graz Stadt einen Schwund. Auf tausend Einwohner in der Murmetropole entfallen 473 PKWs, verglichen zum Vorjahr ergibt das eine Abnahme um 0,7 Prozent. Bedeutend mehr Autos im Vergleich zu den Bewohnern machen dagegen in der Südoststeiermark Kilometer, nämlich 686. Gegenüber 2013 sind das um 1,20 Prozent mehr Personenkraftwägen. Die Aufschlüsselung inklusive Ranking im Detail:

Auf Platz zwei der steirischen Bezirke mit den wenigsten PKWs pro tausend Einwohner rangiert Leoben. Der Bezirk rund um die zweitgrößte steirische Stadt verzeichnet beinahe hundert Personenkraftfahrzeuge mehr als Graz – exakt sind es 563, also 90 Autos, die in der Steiermark den geringsten Unterschied zwischen Stadt und Land ausmachen. „In Graz gibt es keinen Raum. Man ist teils mit dem Fahrrad, teils mit dem öffentlichen Verkehr schneller“, erklärt Karl Reiter von der Forschungsgesellschaft Mobilität, die sich mit, Mobilitätskonzepten und Verkehrsproblemen beschäftigt. Das überzeuge allerdings nicht die Mehrheit jener, die vom Land in die Landeshauptstadt fahren: Über 60 Prozent aller Pendler finden laut Reiter einen Parkplatz vor Ort, also einen Firmenparkplatz. Und am Land regiere das Bewusstsein eines „sicheren Parkraums“.

Diese vorhandenen Parkplätze, aber auch das Angebot an öffentlichem Verkehr, Zersiedelung, die Nahversorgung oder Arbeitsplätze seien für den Motorisierungsgrad, also die Anzahl an PKWs, verantwortlich, so Verkehrsexperte Markus Gansterer vom VCÖ. „Autofahren ist damit zum Zeichen eines Mangels vor Ort geworden“, resümiert er. Zusätzlich beeinflussen auch individuelle Faktoren wie die Kaufkraft oder Prestige die Mobilität. Das begünstige zusätzlich die Anschaffung von Zweit- oder Drittautos.


Datenquelle: Statistik Austria, VCÖ 2016

Nord-Süd-Gefälle in der Steiermark
Das heißt aber nicht, dass der öffentliche Verkehr am steirischen Land als schlecht zu qualifizieren sei – ganz im Gegenteil. Karl Reiter bewertet ihn dort als gut, wo S-Bahn-Korridore oder ausreichend ausgebaute Buslinien führen. Das sei aber nicht überall so: „Im Siedlungsbrei dazwischen, etwa in Graz-Umgebung und im Süden, gibt es weniger Flächenerschließung mit öffentlichen Verkehrsmitteln.“ Markus Gansterer stößt in dieselbe Richtung, denn „in Flächengegenden wie in Niederösterreich oder östlich von Graz gibt es mehr Querverbindungen“. Derartige Querverbindungen führen eben zu Streusiedlungen, zu denen es laut Reiter eigene Straßenerschließungen brauche. „Die Aufrechterhaltung der Straßen ist zu teuer.“

Mehr Streusiedlungen könnten eine Ursache dafür sein, dass es in sämtlichen nordöstlichen Bezirken weniger PKWs im Vergleich zur Bevölkerung gibt, als im Südosten der Steiermark (in der obigen Grafik in hellem Grün eingefärbt; je heller, desto weniger Autos pro tausend Einwohner). „In Tälerstrukturen, wie etwa in Tirol, ist Verkehr leichter zu konzipieren“, erklärt Gansterer. Denn dort gebe es natürliche Restriktionen wie Gebirge. Und „dort, wo weniger besiedelbare Fläche zur Verfügung steht, muss mit dem Platz hausgehalten werden“. Und das mache Siedlungsschwerpunkte unumgänglich. Wo es allerdings keine natürlichen Flächenbegrenzungen gibt, müsste „man sich rechtlich konsequenter durchsetzen“, sagt Gansterer.

Österreichweiter Vergleich
Österreichweit nimmt der Bezirk Südoststeiermark den zweiten Platz in puncto höchster Motorisierungsgrad pro tausend Einwohner ein. Lediglich in Waidhofen an der Thaya in Niederösterreich brausen mehr Autos im Verhältnis durch den Bezirk, nämlich 694. Der Bezirk Dornbirn in Vorarlberg weist dagegen nur 524 PKWs auf. Gerade öffentliche Verkehrskonzepte und die Baupolitik in Vorarlberg bezeichnet Gansterer als Paradebeispiel in Österreich – auch wegen seiner Topografie.

„Carsharing“ und Radfahren
Seit 2005 steigt in der Steiermark die Anzahl an PKWs im Vergleich zu ihrer Bevölkerung an – und das enorm. Während Graz-Umgebung bei einer Differenz von plus 10,3 Prozent hält, sind es im Bezirk Murau 15 Prozent plus. Ein stärkeres Einwohnerwachstum vergleichen mit der Menge an Personenkraftwagen verzeichnete einzig die Stadt Graz. Die Statistik im Detail:

Um den Verkehr und die Anzahl an PKWs künftig einzudämmen, setzen beide Experten auf „Carsharing“. Im Wesentlich bedeutet dieses Modell „die organisierte gemeinschaftliche Nutzung eines oder mehrerer Automobile“, definiert der ÖAMTC. Gansterer hofft, dass durch „Carsharing“ ein großer Teil der Zweit- oder Drittautos und der damit verbundenen Fixkosten ersetzt werden könnte. Zusätzlich sieht sowohl Karl Reiter als auch Gansterer eine verkehrssparende Siedlungs- und Ortsentwicklung als unumgänglich. „Entlang der Korridore und Regionalbuslinien, soweit diese gut ausgebaut sind, müsste langfristig eine Siedlungsverdichtung stattfinden“, meint Reiter.

Für Gansterer sei außerdem wichtig, „dass die regionalen Zentren und die Städte gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreicht werden können“. So natürlich auch Graz. Dort bemängeln beide Experten unisono das alternative Mobilitätsangebot für Radfahrer. „Bei einer Stadtgröße von Graz könnte so Verkehr vermieden werden“, pocht Reiter auf eine verbesserte Versorgung des Fahrradverkehrs. Dafür plant die Stadt, in diesem Jahr eigene Haltestellen für „Carsharing“ und andere alternative Transportmöglichkeiten zu eröffnen. Außerdem möchte man von Seiten der Stadt und des Landes den Radverkehr im Großraum Graz pushen, sagt Herbert Reiterer, Referatsleiter der Gesamtverkehrsplanung in der Steiermark.

Gerechnet auf das ganze Bundesland entfällt auf gerundet 1,71 Steirerinnen und Steirer ein PKW, Tendenz vor allem am Land steigend. Das gibt dem Land Steiermark natürlich zu denken. In der Verkehrsabteilung möchte man künftig verstärkt auf E-Mobility, also elektronische Mobilität setzen und den Ausbau des öffentlichen Verkehrs forcieren. Allerdings sei das laut Herbert Reiterer, eine politische Entscheidung und damit unter anderem eine budgetäre Frage.

 

WERKSTATTBERICHT

Recherche- und Arbeitsprotokoll

Die Daten
Die Daten stammen vom Verkehrsclub Österreich, die aus Datensätzen der Statistik Austria errechnet und interpretiert wurden. Aufgrund seiner staatlichen Unabhängigkeit und seinem Einsatz für eine ökonomisch effiziente Mobilität ist der VCÖ meiner Meinung nach durchaus eine vertrauenswürdige Quelle. Insgesamt schickte der Verkehrsclub fünf Datensätze auf Anfrage per e-Mail: Steiermarkweit den Motorisierungsgrad pro tausend Einwohnern in den einzelnen Bezirken mit dem Verhältnis zum Vorjahr und die Veränderung der Autobesitze in den vergangenen zehn Jahren. Zusätzlich österreichweite Daten, um die Zahlen der Steiermark im großen Vergleich einordnen zu können. Ich entschied mich, nicht alle Datensätze zu verwenden, da die Fülle aus meiner Sicht nicht notwendig gewesen wäre, um ein Bild der aktuellen Situation zu zeichnen. Aufbereitet habe ich die Daten im Open Office Excel, die Säuberung bereitete keine Schwierigkeiten.

Herausforderung und Probleme
Anschließend formulierte ich Fragen: Ist der öffentliche Verkehr am Land mit Schuld am steigenden Motorisierungsgrad? Und warum gibt es in der Steiermark in puncto Autobesitz ein Gefälle zwischen den nördlichen und südlichen Bezirken? Um diese Fragen zu beantworten, aber auch die Daten zu interpretieren, bedurfte es Expertengesprächen. Ich interviewte Markus Gansterer als Verkehrsexperten des VCÖ und Karl Reiter von der „Forschungsgesellschaft Mobilität Graz“ als vom Land Steiermark unabhängige Mobilitätsexperten. Zusätzlich kontaktierte ich die Universität Graz, wo mir allerdings niemand weiterhelfen konnte. Um eine journalistisch ausgewogene Geschichte zu schreiben, bedurfte es zusätzlich Statements des Landes Steiermark. Um diese in ausreichender Form zu bekommen, bedarf es allerdings mehr Zeit für Telefonate, die ich aber für das Projekt nicht hatte. Aus diesem Grund musste ich ein Statement eines genannten Experten streichen, da es eine Gegenstimme verlangte, die ich aber in der Zeit nicht auftreiben konnte. Eine fundierte, aber nicht ausufernde Geschichte zu zeichnen, stellte gleichzeitig das Problem bei diesem Thema dar.

Quellen und Visualisierungstools
Neben den Daten, die mit Quellen (VCÖ, Statistik Austria) versehen sind, und den Experteninterviews lieferten mir unter anderem Zeitungsberichte weiterführende Informationen. Diese sind allesamt im Text verlinkt und in den Inhalt eingeflossen. Die Daten wurden bis auf eine Grafik durchgehend mit dem Tool „infogr.am“ visuell aufbereitet: in zwei Tabellen, einem Balkendiagramm und einer „Facts & Figures“-Grafik. Zusätzlich visualisierte das Tool „carto.db“ nach anfänglichen großen Schwierigkeiten den Motorisierungsgrad pro tausend Einwohner im Jahr 2014 und stellt mit Abstand die aufwendigste Visualisierungsmethode dar.

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